Der Wingertsknorz

Wenn ich schon mit Rebenholz (hier bei uns eben: Wingertsknorzen) arbeite, soll hier auch was zu meinem Arbeitsmaterial gesagt werden.

Eigentlich führt der Wingertsknorz als solcher im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein. Im Herbst, wenn das Weinlaub üppig wuchert und die Trauben sich dick und prall unter den Blättern einnisten, wird der Stamm des Rebstocks, unser dann noch im Saft stehender späterer Wingertsknorz, verdeckt und überschattet. Gleichwohl ist er die Basis und das Fundament für alles: für die Ästhetik und Kultur der über den Weinberg vermittelten Weinlandschaft, ebenso den viel- und langjährigen Ertrag des Winzers wie auch für Genuss und Gaumenfreude des weltweiten Weinkonsumenten.

Er versieht seinen Dienst über viele lange Jahre mehr oder weniger unbeachtet, um danach der Axt oder dem Vorschlaghammer zum Opfer zu fallen. Danach ist er nur noch altes Holz. Auf Haufen getürmt - Haufen, die zum Jahresende die Parzellen der Weinberge und Höfe der Winzer bevölkern - wartet er auf sein Ende. Zersägt und seiner typisch knorrig-krummen Gestalt beraubt, wandert er danach in die Öfen als Winter- und Frühjahrsbrand.  

So viel, so knorrig. Ich bereite ihm bekanntlich ein anderes Ende oder sagen wir lieber - einen neuen Anfang. Und da er nicht reden kann, werden wir nie erfahren, welches Ende er mehr schätzt.  

Dabei hat er in langen, oft jahrzehntelangen Jahren, eine Kraft konzentriert, quasi in hölzernes Muskelgewebe, wie der kräftigste Kraftsportler keins hat, umgearbeitet, die seinem Ende im verzehrenden Feuer spottet. Dicke Kraftknoten, gewundene Stränge, geborstenes Holz als Indiz für die Elementargewalten des Wetters, dem der Knorz holzklug nachgibt. All das, um seiner Bestimmung zu dienen, nämlich das Wasser- und Mineralstoffleitsystem aus den Tiefen des Weinbergs bis in die Spitzen des Rebstocks zu gewährleisten. 

Nichtsdestoweniger hat der Knorz, wenn wir ihn in seinem vorherigen Zustand, als lebendigen Rebstock, betrachten, auch ohne Laub und Trauben, ohne den Schnickschnack der in Bildern der Herbstidylle konkretisierten Weinromantik, seine Existenzberechtigung und seine Ästhetik. Und das trifft auch und gerade im Winter zu, wenn die Wingerte eher wie miniaturisierte Massenkreuzigungsstätten des römischen Kaisers Caligula aussehen. Also nicht gerade die Zeit für Foto-Shootings für Tourismus-Postkarten.

Doch auch hier gibt es Zeiten und Situationen, in denen Wingerte und die von der Jahreszeit skelettierten Rebstöcke eine besondere Atmosphäre und Anmut an den Tag legen. Einige wenige Impressionen, die ich vor Jahren einfing, mögen dies hoffentlich nahebringen.

 

Winterimpressionen


1